Bewertungskompetenz im Unterricht vermitteln
In dieser Lektion wird die didaktische Grundlage zur Vermittlung von Bewertungskompetenz, die bei der Entwicklung der Aufgabensets herangezogen wurde, grob umrissen. Zudem werden Hinweise zur Beurteilung von Lernprodukten, die im Rahmen des Bewertungsprozesses entstehen, gegeben.
Lernprodukte im Bewertungsprozess beurteilen
Die Beurteilung der Lernprodukte sollte sich danach richten, welcher Grundtyp des Bewertungsprozesses mit der Aufgabe adressiert wurde, da der Fokus dabei variiert. Für die einzelnen Grundtypen werden im Folgenden Hinweise gegeben, worauf bei der Beurteilung besonders geachtet werden kann bzw. sollte. Dabei handelt es sich nicht um einen Kriterienkatalog, der in jedem Fall abgearbeitet werden muss. Vielmehr sind es Anregungen für Beurteilungskriterien. Je nach Lerngruppe und konkreter Aufgabenstellung sollte die Lehrkraft eigenständig sinnvolle Kriterien auswählen, um individuelle Schwerpunkte zu setzen.
Aufgaben zur Förderung der Bewertungskompetenz können dabei natürlich auch mehrere der Grundtypen oder mehrere Schritte des Bewertungsprozesses in den Blick nehmen. Die nachfolgenden Hinweise können dann zur jeweiligen Aufgabe passend übernommen werden.
Im Grundtyp I (siehe Beispiel: Bewertung von KI in der Krebszellendiagnostik) steht die Formulierung einer Entscheidungsfrage und die Ableitung von Handlungsoptionen im Vordergrund.
Mögliche Beurteilungskriterien für eine Entscheidungsfrage:
- Aus der Frage wird deutlich, wer die Entscheidung letztlich treffen muss.
- Auch für unbeteiligte Personen wird deutlich, dass bzw. weshalb eine Entscheidungsfindung nötig ist.
- Anhand der Frage sollte das zugrundeliegende Entscheidungsproblem in groben Zügen verstanden werden können. Unter Umständen müssen notwendige Hintergrundinformationen genannt werden.
- ggf. Berücksichtigung von Konsequenzen bzw. an den Konsequenzen beteiligte Personen(gruppen) Es werden Personen(gruppen) berücksichtigt, die von der Situation betroffen sind.
- Ja/Nein-Fragen eignen sich eher nicht, es sei denn das Problem wurde zu Übungszwecken heruntergebrochen, um Lernende ohne Vorkenntnisse im Bewertungsprozess an diese heranzuführen.
- Die Frage sollte so gestellt sein, dass am Ende darauf auch eine deutliche Antwort gegeben werden kann.
- Anhand der Frage muss deutlich werden, wozu konkret eine Entscheidungsfindung benötigt wird.
mögliche Beurteilungskriterien für Handlungsoptionen:
- Die Handlungsoptionen bieten tatsächlich eine Antwort auf die Entscheidungsfrage bzw. eine Lösung für das Entscheidungsproblem.
- Es werden verschiedene Standpunkte bzw. Perspektiven bezüglich des Entscheidungsproblems berücksichtigt oder verschiedene Forderungen von beteiligten Personen(gruppen) aufgegriffen.
- Im Fall von konfliktbehafteten Entscheidungsproblemen werden Kompromisse vorgeschlagen.
- Die Handlungsoptionen berücksichtigen die beiden Extreme und bieten sinnvolle dazwischen liegende Möglichkeiten und beschränken sich nicht auf eine Seite.
- Bei den verschiedenen Optionen handelt es sich um echte Alternativen, d.h. zentrale Aspekte werden anders entschieden oder gehandhabt.
- Es fließen kreative Ideen zur Entwicklung von alternativen Lösungen ein, die dabei aber bezüglich des Entscheidungsproblems einen realistischen Rahmen einhalten.
Der Grundtyp II (siehe Beispiel: Künstliche Intelligenz in der Röntgendiagnostik) legt den Fokus auf das Finden von Argumenten.
mögliche Beurteilungskriterien für gesammelte Argumente:
- Die Argumente sind nicht einseitig, sondern multiperspektivisch oder beziehen sich auf mehrere Kriterien.
- Es gibt sowohl Pro- als auch Contra-Argumente.
- Es wird nach Argumenten für/gegen alle Handlungsoptionen gesucht.
- Die Argumente sind korrekt/stichhaltig.
- Quellen werden angegeben.
Im Grundtyp III (siehe Beispiel: KI-Nutzung und leistungsgerechte Bezahlung?) kommt es wesentlich darauf an, die bereits vorhandenen Argumente zu gewichten und daraus zu einem abschließenden Urteil im Bewertungsprozess zu gelangen bzw. eine begründete Entscheidung zu formulieren.
mögliche Beurteilungskriterien für eine begründete Entscheidung:
- Die zugrundeliegende Entscheidungsfrage bzw. das zugrundeliegende Entscheidungsproblem sollte grob umrissen werden.
- Die getroffene Entscheidung muss deutlich formuliert sein.
- Die Entscheidung muss nachvollziehbar begründet werden, d.h. das Zustandekommen der getroffenen Entscheidung sollte für jede Person prinzipiell plausibel werden, auch wenn die Entscheidung selbst von ihr nicht geteilt wird. Der Grad an Ausführlichkeit und die Länge der Begründung kann im Vorfeld durch die Lehrkraft vorgegeben werden und sollte sich an den Vorkenntnissen sowie dem Alter der Lernenden orientieren.
- Sofern im Vorfeld Handlungsoptionen aufgestellt oder genannt wurden, sollte die Begründung Rückbezug auf diese Handlungsoptionen nehmen.
- Es wird darauf eingegangen, aus welchen Gründen andere Handlungsoptionen abgelehnt wurden.
- Die zentralen Argumente, die bei der Entscheidungsfindung berücksichtigt wurden, werden genannt.
- Die bei der Entscheidungsfindung herangezogenen Kriterien werden aufgegriffen und dabei vorgenommene Gewichtungen erläutert.
- Es fließen alle oder mehrere verschiedene Kriterien in die Entscheidungsfindung ein.
- Die Auswahl und/oder Gewichtung der herangezogenen Kriterien wird begründet.
- Ggf. werden zu erwartende Folgen der getroffenen Entscheidung oder der verschiedenen Handlungsoptionen genannt und dabei auch verschiedenen Perspektiven berücksichtigt (nur bei sehr ausführlichen/sehr guten Begründungen).