Beispielhaftes Durchlaufen des Ablaufschemas

Beispiel zur Entwicklung einer Aufgabe


Bei der Entwicklung eigener Aufgaben zum Thema „Künstliche Intelligenz“ kann es hilfreich sein, die rechts dargestellten Schritte zu durchlaufen. Im Nachfolgenden wird dieses Schema exemplarisch anhand der Überlegungen zur Aufgabe „KI-Nutzung und leistungsgerechte Bezahlung“ erläutert.

 



Woher bekomme ich eine Idee?

Seit der Veröffentlichung von ChatGPT 3.5 durch OpenAI ließen sich viele Artikel und Diskussionen zum Thema KI in der Arbeitswelt in den Medien wiederfinden (z.B. Welt.de, faz.net, zdf.de). Ausgehend von der Frage, welche Jobs in Zukunft durch KI-Systeme ersetzt oder stark entlastet werden können, werden beispielsweise die Berufe des Mathematikers oder des Ingenieurs genannt (zdf.de).
Auch wenn eine vollständige Auswechslung von menschlicher Arbeitskraft gegen KI-Systeme nur teilweise denkbar scheint, so stellt sich doch die Frage, wie die Auslagerung von Arbeitsprozessen an KI-Systeme zu bewerten ist. Dabei spielen nicht nur die fachlichen Fragestellungen, wie z.B. die Korrektheit der Ergebnisse, eine Rolle, sondern auch moralische Fragen, da Fragen nach der Haftung bei Fehlern des KI-Systems oder nach der tatsächlich noch geleisteten Arbeitskraft nicht klar beantwortet werden können. Aus diesem Grund wurde diese Idee als Ausgangspunkt für die Entwicklung einer Aufgabe zur Bewertung des Einsatzes von KI-Systemen im Beruf gewählt. 


Welches Unterrichtsformat soll ich wählen?

Die Thematisierung der gewählten Fragestellung ist nicht explizit in Lehrplänen verankert, weshalb hier eine eher überfachliche Auseinandersetzung gewählt wurde. 

Eine Anbindung an die Aufgabe zum KI-Einsatz bei der App Photomath ist denkbar, da so ein Bogen vom Einsatz von technischen Hilfsmitteln im Schulalltag hin zum Einsatz im Beruf gespannt werden kann. Die vorangegangene Bearbeitung der Photomath-Aufgabe ist aber nicht notwendig. Es soll somit die überfachliche Schulung der Bewertungskompetenz im Fokus der Aufgabe stehen.
Dies bietet aus unserer Sicht mehrere Vorteile. Im Kontext der späteren Arbeitswelt verliert die App Photomath vermutlich an Bedeutung für die Schülerinnen und Schüler. Durch eine allgemeinere Thematisierung des Einsatzes von KI-Systemen in der Berufswelt entsteht eine höhere Zukunftsbedeutung für die Lernenden und eine erhöhte Adaptierbarkeit für andere Kontexte. Zudem ließen sich durch die allgemeinere Thematisierung authentische Aussagen aus verschiedenen Perspektiven finden, die bei der Bearbeitung der Aufgabe von den Lernenden abzuwägen sind.

Da für eine tiefe Auseinandersetzung und eine Urteilsbildung ausreichend Zeit im Unterricht benötigt wird, schien eine Konzeption für eine Doppelstunde (90 Minuten) realistisch, um nicht nur oberflächlich oder ohne tiefe Auseinandersetzung den Einsatz von KI-Systemen zu bewerten. Um keine überkomplexen Aufgabenstellungen zu erstellen, haben wir uns für eine Fokussierung auf den dritten Grundtyp "Gewichten", "Entscheiden" und "Reflektieren" bei Bewertungsprozessen (vgl. Lübeck, 2018) festgelegt.

 

Wie sehen herkömmliche fachliche Aufgaben zum Thema aus?

Zu der inhaltlichen Thematik konnten keine etablierten Aufgabenformate zur Orientierung gefunden werden. 

Zum gewählten Aufgabentyp im Hinblick auf die Bewertungskompetenz (s.u.) konnten wir uns aber an den Beispielaufgaben von Lübeck (2018) orientieren. Hier wurde eine Entscheidungssituation konstruiert, in der auf bereits gesammelte Argumente und Informationen zurückgegriffen werden soll, um durch individuelle Gewichtung der Argumente zu einer Entscheidung zu gelangen. Diesen Aufbau haben wir als Grundlage genutzt.


Welchen Bezug zu KI-Systemen hat das Thema?

Um die Urteilsbildung und das Bewerten des KI-Einsatzes zu motivieren, wurde eine realitätsnahe oder nachvollziehbare Situation gewählt. Der KI-Einsatz ist dabei eher abstrakt dargestellt und auf keine konkrete Nutzung einer App oder eines Programms zugeschnitten. Stattdessen soll der Einsatz von KI-Systemen als Ausgangspunkt einer ethischen Diskussion genutzt werden. So kann die Aufgabe mit verschiedenen vorangegangenen Themen motiviert werden oder ggf. auch aus ganz anderen Fragestellungen entwickelt werden.

Die Fähigkeit, den Einsatz von KI-Systemen in alltäglichen (zukünftigen) Situationen aus verschiedenen Perspektiven zu bewerten, stellt für die Lernenden eine wichtige Grundfähigkeit dar, um als mündige Bürgerinnen und Bürger Entscheidungen treffen zu können. Hierbei sind neben wirtschaftlichen und rechtlichen Aspekten auch ethische Aspekte zu bedenken.

 

Wo liegt ein moralisches Problem?

Die fiktive Situation soll die Lernenden in eine Situation versetzen, in der sie vor einem moralischen Problem stehen. Da kein spezielles KI-System im Vordergrund steht, haben wir möglichst allgemeingültige Fragestellungen zum Einsatz von KI-Systemen bei der Arbeit einbezogen und hierzu die Argumente gesammelt. Auf eine eigene Recherche von Seiten der Schülerinnen und Schüler wurde bewusst verzichtet.
Die spezifischen Fragestellungen, die in den Argumenten angesprochen werden, sind die rechtlichen Aspekte beim Einsatz von KI-Systemen, insbesondere die Haftung bei Fehlern, die aus dem KI-Einsatz resultierende Wirtschaftlichkeit sowie die Ehrlichkeit beim Einsatz solcher Systeme zur Auslagerung von Arbeit.

Aus unserem entwickelten Szenario ließen sich auch Argumente generieren, die die Zugänglichkeit zu Technik oder Probleme durch Intransparenz bei KI-generierten Ergebnissen aufgreifen, jedoch haben wir uns dazu entschieden, einen Fokus auf die drei erstgenannten Aspekte zu legen, um keine überkomplexe Aufgabenstellung zu generieren. Bei Erprobungen zeigte sich, dass bei noch mehr Diskussionspunkten eine Gewichtung der einzelnen Aspekte und die Findung eines finalen Urteils immer schwieriger wird.


Welchen Fokus möchte ich im Entscheidungsprozess legen?

Zum Thema „KI-Einsatz und leistungsgerechte Bezahlung“ haben wir uns für die Schwerpunkte "Gewichten", "Entscheiden" und "Reflektieren“ im Bewertungsprozess entschieden, womit der dritte Schritt im Bewertungsprozess gewählt wurde (vgl. Lübeck, 2018). Dieser Schwerpunkt wurde gewählt, da aufgrund der fehlenden rechtlichen Sicherheit beim KI-Einsatz und wegen fehlender Erfahrungswerte das Thema eine hohe Offenheit bietet. Hierdurch können die Lernenden möglichst frei nach ihren eigenen Werten den Bewertungsprozess durchlaufen und erhalten nicht den Eindruck, zu einem sozial erwünschten Ergebnis kommen zu müssen.

Da die Bewertung des Einsatzes von KI-Systemen nicht im MINT-Unterricht curricular verankert ist, aber der Einsatz solcher Systeme multiperspektivisch erörtert werden soll, haben wir uns für einen eher argumentativen Ansatz entschieden. Bei Aufgaben zur Textproduktion, in denen Pro- und Contra-Argumente abgewogen werden müssen, ist häufig zuvor eine Zusammenstellung von Argumenten notwendig. Aufgrund des von uns angesetzten zeitlichen Rahmens und der Fokussierung auf den dritten Grundtyp "Gewichten, Entscheiden und Reflektieren" haben wir uns dazu entschieden, eine Vorauswahl an Argumenten zu treffen. Diese sind von den Lernenden dann zu sortieren und zu gewichten, um schlussendlich zu einem Urteil zu kommen.  

Eine Bewertungsaufgabe, die eher dem zweiten Grundtyp entspricht, war ebenfalls denkbar, da die Beschaffung von Informationen zur Fragestellung durch die Lernenden möglich war. Jedoch empfanden wir die Recherche als zu umfangreich, als dass sie im Zeitrahmen zielführend gewesen wäre, insbesondere auch da mehrere Aspekte zur moralischen Bewertung betrachtet werden sollten.


Quellen

Buxmann, P.,& Schmidt, H. (15. Februar 2024). KI gefährdet Jobs – aber nur die Jobs der anderen. Abgerufen am 05.09.2024 von https://www.faz.net/pro/digitalwirtschaft/kuenstliche-intelligenz/ki-gefaehrdet-jobs-wer-sich-die-wenigstens-sorgen-deshalb-macht-19516307.html

Dernbach, C. (04. April 2023). Welche Jobs durch KI bedroht sind. Abgerufen am 05.09.2024 von https://www.zdf.de/nachrichten/wirtschaft/kuenstliche-intelligenz-ki-arbeitsplaetze-chatgbt-100.html

Lunday, C. (22. September 2023). KI in der Arbeitswelt – Welche Jobs besonders gefährdet sind. Abgerufen am 05.09.2024 von https://www.welt.de/wirtschaft/article247555322/KI-Welche-Jobs-besonders-gefaehrdet-sind.html

Lübeck, M. (2018). Der Kompetenzbereich Bewertung im Biologieunterricht - Möglichkeiten zur systematischen Konstruktion von Lernaufgaben. Waxmann Verlag, Münster.